GESELLSCHAFT

 


Die Goethe-Gesellschaft Nordenham

Goethe in Nordenham? – eine Frage, die in ihrer Verkürzung bei Besuchern der Stadt Nordenham das Befremden über die Präsenz einer Goethe-Gesellschaft in unserer Stadt offenbart; und das nicht ohne Grund, denn es ist schon ungewöhnlich, dass die zweitgrößte Goethe-Gesellschaft Deutschlands (mit rund 330 Mitgliedern) in einer kleinen Stadt residiert, die sich sehr wohl in einer geografischen wie kulturellen Randlage befindet und keinerlei Gedenkstätten aufweist, die auf einen Besuch des Dichterfürsten hinweisen. Goethe war nie hier, hat sich nie über die Wesermarsch geäußert und nimmt uns also die Chance auf „des Dichters Spuren zu wandeln“ und einen Devotionalienhandel zu betreiben, wie in anderen Städten Deutschlands durchaus üblich.

Das Interesse an Goethe in Nordenham zielt auf anderes: nicht die philologisch akribische Interpretation seiner Werke steht im Mittelpunkt der Veranstaltungen, sondern eher seine Haltung zur Welt - sein weltoffenes Denken, seine Idee der Weltliteratur, seine Schriften als Dichter, politischer Mensch, als Naturforscher, als Wissenschaftshistoriker und Staatsbeamter.

Deshalb ist das Programm der Goethe-Gesellschaft im musikalischen wie literarischen Bereich auch immer überregional/international ausgerichtet und eher der unmittelbaren Gegenwart verpflichtet als sich in einem unterwürfigen Dichterkult zu verlieren oder die Flucht ins 18. Jahrhundert anzutreten. Dies scheint – wie die Jahrzehnte lange Resonanz zeigt – durchaus auch den Geschmack des Nordenhamer Publikums zu treffen und eine Nische im Kulturangebot der Stadt zu füllen. Dies erklärt vermutlich auch die enge Anbindung an das Gymnasiums Nordenham sowie die Entstehung und Präsenz der Gesellschaft in Nordenham überhaupt, denn seit der Gründungsphase in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts ist eine enge räumliche und personelle Anbindung an das Gymnasium Nordenham unübersehbar.

Harald Wedemeyer, der 1999 zu früh verstorbene Schriftführer, fasst dies in seiner kurzen Geschichte der Nordenhamer Goethe-Gesellschaft so zusammen: „Die Kultur hatte während der schrecklichen Jahre des Zweiten Weltkrieges kaum noch gepflegt werden können. So bestand in Nordenham zuletzt nur noch ein mehr privater literarischer Kreis, in dem Kulturpflege stattfand. In Bremen war die Arbeit der Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Weimar aber immerhin bis 1944 weitergegangen. Sie setzte diese Tradition bald nach dem Ende des Krieges fort. Der Vorsitzende, Prof. Dr. August Kippenberg, blieb im Amte. Er war übrigens der Bruder des bekannten Anton Kippenberg, der einstmals Präsident der Mutter-Gesellschaft in Weimar gewesen war.

Dem persönlichen Einsatz von August Kippenberg war es zu verdanken, dass das kulturelle Leben beiderseits der Weser nur wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches neu erblühte. Mit dem einzigen damals verfügbaren Verkehrsmittel, dem Dampfer der Schreiberlinie Bremen, schipperte Professor Kippenberg wie ein Missionar von Ort zu Ort und gründete Ortsgruppen, die er von Bremen aus betreute. Im Einzelnen entstanden solche Gruppen in Bassum, Bremerhaven, Elsfleth, Nordenham, Ritterhude, Vegesack und Verden. Von diesen Ortsgruppen existiert heute nur noch die in Nordenham.

In Nordenham lebte damals eine frühere Lehrerin namens Kloss, deren ehemaliger Direktor Professor Kippenberg gewesen war. Frau Kloss gehörte außerdem zu dem erwähnten literarischen Kreis in Nordenham. Zusammen mit ihrem Mann Peter stellte sie den Kontakt zu literarisch interessierten Nordenhamerinnen und Nordenhamern her. Diese Runde traf sich zunächst in der Kloss’schen Wohnung, die – eine Rarität angesichts des Wohnungselends nach dem Kriege – über zwei ineinander übergehende Zimmer verfügte. An die Teilnehmer erging die Bitte, Brennmaterial in Form von Torf und Schreibutensilien wie Papier und Bleistifte mitzubringen. Im Herbst 1946 lud August Kippenberg zu einer Zusammenkunft ein, um den Gedanken an die Gründung einer Gruppe Nordenham die Tat folgen zu lassen.

In einem Brief an die Mitglieder schrieb er: „Wir begrüßen in großer Freude die zahlreichen Goethe-Freunde, die sich nach der Versammlung am 20. Oktober bereit erklärt haben, der Bremer Ortsvereinigung beizutreten“ – der 20. Oktober ist als der eigentliche Tag der Gründung der Goethe-Gesellschaft Nordenham anzusehen.

Die Goethe-Gesellschaft Bremen half der Gruppe auf die Beine und vermittelte in den Anfangsjahren auch die Referenten für die Vortragsabende. Bald stellte die Ortsgruppe das erste Jahresprogramm auf. Während der Jahreshauptversammlung Ende 1949 erklärte Peter Kloss seinen Rückzug und es drohte die Auflösung der Gruppe Nordenham. Damit aber war die Versammlung nicht einverstanden. Der anwesende Kreis bildete vielmehr einen geschäftsführenden Ausschuss. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig der Gymnasiallehrer und heute noch bekannte Maler Rudolf Matthis gewählt. Ein Zitat aus der Mitteilung an die Mitglieder: „Die Bremer Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft in Weimar, Gruppe Nordenham. Der in der Mitgliederversammlung am 11. Dezember 1949 neu gewählte geschäftsführende Ausschuss plant im Einvernehmen mit dem Vorsitzenden der Bremer Ortsvereinigung den Rahmen der Veranstaltungen in Nordenham zu erweitern, Als erste Veranstaltung ist für Donnerstag, den 19. Januar 1950, festgesetzt „Raffael“-Lichtbilder-Vortrag von R. Matthis, durch Ausstellung von Bildern ergänzt. Beginn 20.30 Uhr in der geheizten Aula der Oberschule.“

Neben Rudolf Matthis gehörten dem Ausschuss Clara Reingart als Kassiererin und Rudolf Hagemann als Schriftführer an. Mit Beginn des Jahres 1952 löste sich die Gruppe von Bremen und gestaltete das Programm von nun an selbständig. Zu den Wortvorträgen kamen jetzt regelmäßig musikalische Abende. Die Zahl der Veranstaltungen wurde auf mindestens zwölf im Jahr festgelegt, der Name in“ Goethe-Gesellschaft, Vortragswerk Nordenham“ geändert. Im Jahre 1956 verließ Rudolf Hagemann Nordenham.

Zu seinem Nachfolger beriefen die Mitglieder Dieter v. Bestenbostel. Außerdem beschloss die Hauptversammlung eine Erweiterung des Vorstandes und wählte Rudolf Spohr zum 2. Vorsitzenden. Das Jahresprogramm umfasste erneut zwölf Veranstaltungen. Die Gesellschaft zählte inzwischen 240 Mitglieder; 62 Jugendliche vervollständigten die große Gemeinschaft.

Jahr für Jahr konnte die Tätigkeit erfolgreich fortgesetzt werden. Namhafte Wissenschaftler – darunter alle Präsidenten der Mutter-Gesellschaft in Weimar und viele Ortsvorsitzende der Tochtervereinigungen - waren Gäste der stets gut besuchten Veranstaltungen. Musiker von internationalem Ruf erfreuten Mitglieder und Gäste mit ihren Darbietungen. 1961 wurde auf Anraten des damaligen Präsidenten in Weimar, Professor Dr. Andreas Wachsmuth, das Vortragswerk in eine selbständige Ortsvereinigung umgebildet und von diesem Zeitpunkt an als eingetragener Verein geführt.

Die Gruppe hieß von nun an “Goethe-Gesellschaft Nordenham e.V. – Ortsvereinigung der Goethe-Gesellschaft Weimar“. Die Satzung lehnte sich an die anderer Ortsvereinigungen an. Im Jahrbuch der Mutter-Gesellschaft wurde diese Änderung so erwähnt: „Der selbständig gewordenen Ortsvereinigung gilt unser Gruß und Wunsch für Blühen und Gedeihen“.

Aus Altersgründen trat Rudolf Matthis 1967 von dem Amt des 1. Vorsitzenden zurück. Zu seinem Nachfolger wurde Rudolf Spohr gewählt. Bis 1993 stand er der Gesellschaft vor. Die übrigen Vorstandsmitglieder wechselten mehrfach. Dieter v. Bestenbostel, in dessen Buchhandlung sich die Geschäftsstelle befunden hatte, trat nach 35jähriger Tätigkeit als Schriftführer zurück. In Anerkennung seiner Verdienste ernannte ihn die Goethe-Gesellschaft zum Ehrenmitglied.“

Während der Jahreshauptversammlung am 12. Januar 1994 wurde ein neuer Vorstand gewählt. Ihm gehören Dr. Burkhard Leimbach als 1. Vorsitzender, Stefan Tönjes als 2. Vorsitzender, Christian Schöckel und Heiko Thaden als stellvertretende Vorsitzende, Dr. Udo Börger als Kassenwart, Harald Wedemeyer als Schriftführer und Rudolf Spohr als Ehrenvorsitzender an.

Im Januar 2001 trat Frau Ellen Walther anstelle des verstorbenen Harald Wedemeyer dem Vorstand bei und eröffnete damit eine engere Anbindung Butjadingens an die Goethe-Gesellschaft Nordenham.

Der amtierende Vorstand setzte damit die schon belegte enge personelle Anbindung an die Schule fort, denn die Hälfte der Mitglieder sind (z.T. ehemalige) Schüler und Lehrer des Gymnasiums Nordenham.

2011 und 2013 änderte sich die Besetzung des Vorstands. Nach mehrjähriger engagierter und harmonischer Mitarbeit im Vorstand schieden Dr. Udo Börger, Heiko Thaden, Christian Schöckel und Christian Leopold aus. Cristian Müller als Schatzmeister und Sandra Kaufhold-Scharrer traten an ihre Stelle.

Was für die personelle Kontinuität gilt, gilt auch für die Räume. Wenn auch die Goethe-Gesellschaft bei manchen Veranstaltungen auf adäquatere Orte ausweicht (z. B. in Kirchen, das Technologiezentrum, Theater Fatale, Haus Tongern oder die (vormals) AIRBUS-Fertigungshalle), so ist doch die Aula des Gymnasiums DER Ort für musikalische und manche literarische Abende. Dabei ist nicht einmal die Tatsache von Bedeutung, dass für viele Mitglieder und Gäste kaum ein Raum so erinnerungsgesättigt ist wie die Aula, sondern vielmehr die Freude darüber, dass es in Nordenham wenigstens einen Raum mit ansprechender Akustik gibt, der auch den hohen Ansprüchen von Interpreten wie Publikum leidlich gerecht wird. Diesen Zustand zu erhalten, daran ist der Goethe-Gesellschaft als Gast des Gymnasiums gelegen und das begründet auch die erheblichen Zuwendungen aus der Vereinskasse zur Bühnenerweiterung, der Anschaffung eines Vorhangs, der Beschallungsanlage, der Bestuhlung und zur Reparatur, Wartung und Stimmung des Konzertflügels.

Für die Goethe-Gesellschaft selbstverständlich haben Schüler/innen und Studenten/innen freien, Eltern mit Kindern reduzierten Eintritt zu allen regulären Veranstaltungen und wir würden uns freuen, wenn alle literarisch-wissenschaftlich-musikalisch Interessierten aus dem Gymnasium davon stärker Gebrauch machen würden, als dies augenblicklich der Fall ist.

Dr. Burkhard Leimbach
Vorsitzender der Goethe-Gesellschaft

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